Eine Patenschaft geht erfolgreich zu Ende


„Ich hatte nie gedacht, dass ich meine Abschlussprüfung schaffen werde und einen Ausbildungsplatz finde“, sagt Fatemeh Soltani. Doch dann erhielt die Schülerin der Schule am Ernst-Reuter-Platz (ERNST!) unerwartet Hilfe: Über das Projekt Ausbildungspaten lernte sie die Fischereiwissenschaftlerin Sandra Rybicki kennen. Das Projekt Ausbildungspaten entstand in Zusammenarbeit der Schule ERNST! und unserem Netzwerk Schule, Wirtschaft und Wissenschaft. Arbeitserfahrene Menschen begleiten die Schüler und Schülerinnen in den letzten Jahren der Schulzeit, entwickeln
gemeinsam mit ihnen eine berufliche Zukunft und unterstützen sie bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Im Sommer 2019 erfuhr Sandra Rybicki über einen Kollegen beim Thünen-Institut von unserem Projekt und meldete sich. Für Fatemeh Soltani ein echter Glücksfall.

Projektkoordinatorin Marion Oehmsen (links) und Schulleiterin Nicole Wind (rechts) danken Ausbildungspatin Sandra Rybicki für ihre erfolgreiche Arbeit.


Lernen, üben und reden
Zu dem Zeitpunkt machte Fatemeh Soltani oft nicht mal die Hausaufgaben, weil sie sie nicht verstand. Ihre Deutschkenntnisse waren nicht gut genug. Die beiden trafen sich einmal die Woche. „Ich bin aufmerksam geworden und habe versucht, mich zu verbessern“, erzählt Fatemeh Soltani. „Die Motivation war da“, bestätigt Sandra Rybicki und bedauert nur, dass sie nicht früher angefangen haben. (Deshalb beginnt die Zusammenarbeit für
gewöhnlich ab der 8. Klasse.) Gemeinsam lernten sie den Schulstoff und das
Pünktlichsein, schrieben Bewerbungen, übten Präsentationen und Vorstellungsgespräche oder redeten einfach über das, was Fatemeh Soltani belastete. Ihre Deutschkenntnisse wurde besser, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit nahmen so sehr zu, dass sie nun selbst bemerkt, wenn andere in dem Bereich Schwierigkeiten haben.
All die gemeinsamen Bemühungen führten zum Erfolg! Fatemeh Soltani bestand nicht nur ihre Abschlussprüfung, sondern ist seit Sommer in Ausbildung zur Zahnarzthelferin. Große Schritte für jemanden, der ein Jahr zuvor noch keine berufliche Zukunft gesehen hat.

Ausbildungspatin Sandra Rybicki (mitte) feiert mit ihrer
Patin Fatemeh Soltani (links) und Klassenkameradin
Shengyul Lyubomirova (rechts) den erreichten
Schulabschluss im Juli 2020.


Ausbildungspatenschaften
zur Coronazeit

Gut zehn Patenschaften werden auch während der coronabedingten
Kontaktbeschränkung weitergeführt, auch wenn die Besuche der Paten und Patinnen im Unterricht derzeit wegfallen. WhatsApp, Skype und das Telefon ermöglichen regelmäßige Kontakte und werden fleißig genutzt, um gemeinsam weiter an der Zukunft der Schüler und Schülerinnen zu arbeiten. „Die bestehenden Bindungen sind entsprechend stabil“, berichtet Marion Oehmsen, die das Projekt Ausbildungspaten für unser Netzwerk betreut.
Und im Jahr 2021 können wieder neue Bindungen und Patenschaften
aufgebaut werden.

Zukunftswege
„Was ich jetzt geschafft habe, ist wegen Sandra und ich bin unfassbar dankbar“, sagt Fatemeh Soltani und Sandra Rybicki antwortet: „Im Endeffekt hast du dich da selbst durchgekämpft, ich habe nur Hilfestellung gegeben.“ Gemeinsam haben die beiden Großes geleistet und eine berufliche Zukunft möglich gemacht!
Jetzt zieht Sandra Rybicki nach Island, denn ihre Doktorarbeit zur Erforschung der Zukunft der Fischer ist abgeschlossen und nun möchte sie in Island den Bachelor in maritimen Wissenschaften machen. Und Fatemeh Soltani wird Zahnarzthelferin.
Unser Netzwerk wünscht beiden viel Erfolg für ihren Lebensweg!

Ausbildungspaten gesucht!
Eins ist Fatemeh Soltani noch wichtig: „Es ist schade, dass es nicht mehr Leute gibt, die freiwillig den Schülern und Schülerinnen helfen.“ Denn wie bei ihr kann man damit einem jungen Menschen den Start in das Berufsleben ermöglichen.
„Lehrerin muss man dafür nicht sein“, erklärt Sandra Rybicki. „Man muss zuhören können und offen sein. Es geht darum, gemeinsam Lösungswege zu erarbeiten. Man darf es nicht so ernst nehmen, wenn dann doch mal eine 6 kommt. Manchmal muss man die Motivation erst hervorholen, denn man darf nicht vergessen, dass diese Jugendlichen oft schon einen Riesenrucksack voller Probleme mit sich herumtragen. Da stand die Schule verständlicher Weise nicht immer im Leben an erster Stelle. “ Umso wichtiger, ihnen jetzt beiseite zu stehen und ihnen so ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen, in dem sie selbst dafür Sorge tragen können, dass es ihnen gut geht.

Wenn Sie Interesse an einer Ausbildungspatenschaft haben, können Sie sich bei
Schulleiterin Nicole Wind melden: 0471 / 30 94 93-0 oder
nicole.wind@magistrat.bremerhaven.de

Text Janina Berger, Fotos von privat

Lernen in Zeiten von Corona

Seit dem 15. April 2020 hat die Schule wieder begonnen. Bisher findet der Unterricht für Ihre Kinder ausschließlich zuhause statt. Ab dem 27.04. wird der Unterricht in der ERNST! schrittweise wieder stattfinden.

Schrittweise bedeutet, dass vorerst nur die Klassen des 10. Jahrgangs in der Schule unterrichtet werden. Der Unterricht findet in kleinen Gruppen statt und wird zu Beginn nur wenige Stunden die Woche in den prüfungsrelevanten Fächern (Deutsch, Englisch, Mathematik, mündliches Prüfungsfach) jeweils von 8:00 Uhr bis 12:50 Uhr umfassen.

Damit wird sichergestellt, dass die ERNST! alle erforderlichen Hygienemaßnahmen umsetzen kann. Insbesondere das Einhalten des Mindestabstands (mindestens 1,50 m besser 2 m) kann somit sichergestellt werden.

Die Schule wird Ihre Kinder regelmäßig an das Einhalten der Hygienemaßnahmen erinnern und – sofern es erforderlich ist – mit Ihren Kindern einüben. Bitte unterstützen Sie dieses Anliegen und sprechen Sie ebenfalls mit ihnen darüber!

Wird Ihr Kind noch nicht an der Schule unterrichtet, so findet der Unterricht nach wie vor vorerst Zuhause statt. Beim Lernen in der Schule und beim Lernen zuhause gilt gleichermaßen die Schulpflicht für Ihr Kind! Wird Ihr Kind zuhause unterrichtet, so wird die Schule mit Ihrem Kind und gegebenenfalls auch mit Ihnen Kontakt aufnehmen. Ihr Kind wird von seinen Lehrerinnen und Lehrern mit Unterrichtsmaterial und mit Aufgaben versorgt. Halten Sie Ihr Kind dazu an, die Aufgaben zu bearbeiten.

Bei Fragen können Sie gerne die Ihnen bekannten Kommunikationsmöglichkeiten nutzen um mit den Lehrerinnen und Lehrern in Kontakt zu treten. Nutzen Sie gerne dieses Angebot!

Sie können Ihr Kind bei der Schule vom Schulbesuch befreien lassen, wenn es zu einer Risikogruppe gehört. Dies gilt auch, wenn eine andere Person, die in Ihrem gemeinsamen Haushalt lebt, zu einer Risikogruppe gehört. Wenn Sie in dieser Frage unsicher sind, wenden Sie sich bitte an Ihren Hausarzt/Ihre Hausärztin.

Ihr Kind wird dann weiterhin zuhause lernen und Unterrichtsmaterial und Aufgaben von der Schule erhalten.

Ihre Kinder haben den Lehrerinnen und Lehrern an Ihrer Schule sehr gefehlt. Alle freuen sich, dass Ihre Kinder nun langsam aber schrittweise wieder an die ERNST! zurückkehren können. Bitte seien Sie geduldig, wenn Ihr Kind vorerst noch nicht wieder an die Schule kann. Und bitte unterstützen Sie uns bei der Einhaltung der Hygienemaßnahmen, indem Sie mit Ihren Kindern darüber sprechen.

Alle weiteren Informationen über den Schulbesuch, Unterrichtszeiten oder den Fernunterricht erhalten Sie direkt von Ihrer Schule.

Vielen Dank!

Mit freundlichen Grüßen

Nicole Wind (Schulleiterin)

10 Jahre Netzwerk – die Feier!

Am 13. November 2019 feierte das Netzwerk Schule, Wirtschaft und Wissenschaft seinen 10. Geburtstag im Atlantic Hotel Sail City: Erinnerungen, Erfolge, Musik, Podiumsdiskussionen und ein Impulsreferat bestimmten den Abend, durch den Arnd Höljes, stellvertretender Schulleiter der Kaufmännischen Lehranstalten, moderierte. In einem Punkt waren sich alle Redner einig: Gäbe es das Netzwerk nicht, müsste man es erfinden!

Nicole Wind, Claus Brüggemann, Olaf Hüllen und Horst Lüdtke freuen sich über die Überraschungstorte zum 10. Jahrestag des Netzwerks.

Begrüßung „Ich danke allen Mitgliedern für Ihre Treue und die Zusammenarbeit“, begrüßt Vorsitzender Claus Brüggemann die rund 135 Gäste, denn ohne Mitglieder könnte das Netzwerk nicht erfolgreich handeln. Neben zahlreichen Einzelnennungen und der Unterstützung durch die Stadt Bremerhaven und der umliegenenden Gemeinden stellte er dabei besonders Geschäftsführer Horst Lüdtke als umtriebigen Motor heraus, der vom ersten Tag an mit Herz und Sachverstand dabei ist, sowie Renate Isenberg als Seele des Netzwerks, ohne die die Geschäftsstelle gar nicht funktionieren könnte. Brüggemann dankt für die viele Rückenwindunterstützung und hebt die Win-Win-Situation für Betriebe und Schüler hervor. „Bremerhaven hat mehr zu bieten als frische Luft“, betont er und nennt Forschungsinstitute, hervorragende Schulen, Betriebe, Kultur und Sport als gute Gründe, sich für unsere Region zu entscheiden. „Wir können dazu beitragen, dass die jungen Menschen hier bleiben und unsere Region so gemeinsam stärken“, schließt Brüggemann, denn es gebe Bedarf an jungen, fähigen und ausgebildeten Menschen. Ehrengäste Kristina Vogt, Bremer Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Europa, betont in ihrem Grußwort: „Das Netzwerk liefert einen Beitrag, der nicht zu unterschätzen ist.“ Durch die Änderungen in der Gesellschaft und der Arbeitswelt stelle sich die Frage, wie die Fachkräftegewinnung, Fachkräftesicherung und Qualifikation für die Zukunft sichergestellt werden können und unser Netzwerk leiste viel, um Antworten auf diese Fragen geben zu können. Insbesondere hebt sie hervor, dass das Netzwerk an der Schule ansetzt und nicht an den Grenzen Bremerhavens endet, sondern die gesamte Region einbezieht. Sie sei jetzt zuversichtlicher, dass mehr junge Menschen und Betriebe zueinander finden werden. Besonders begeistert sie sich für die Ausbildungspaten. „Bremerhaven hat eine tolle Hochschule, Potenzial und regionale Bedeutung. Das Netzwerk trägt dazu bei, Werbung für Bremerhaven machen zu können – feiern Sie sich zu recht!“, schließt sie. Stadträtin Brigitte Lückert dankt als ehemalige Lehrerin auch den Schülern dafür, dass sie sich auf die Projekte des Netzwerks einlassen und mitmachen, denn sie müssen sich damit neuen Herausforderungen stellen und lernen aber auch, sich etwas zuzutrauen. Das Netzwerk sieht Lückert als ein beschützendes, auffangendes und umschließendes Netz, in dem sich die Schüler befinden, die es für ein Leben nach der Schule zu befähigen gilt. Das gelinge, indem man ihnen Erfahrungen ermögliche und neue Blickwinkel auf die Welt. Auch das Kennenlernen anderer Menschen und vor allem von sich selbst gehöre dazu. „Nicht nur Akademiker können die Stadt nach vorne bringen, sondern alle gemeinsam können wir die Stadt und die Region gestalten“, betont Lückert.

Senatorin Kristina Vogt betont in ihrem Grußwort, dass dank unseres Netzwerks immer mehr junge Menschen und Betriebe zueinander finden werden.

„Das Netzwerk ist seiner Zeit voraus“ „Ein verfehlter Beruf verfolgt uns durch das ganze Leben.“ Mit diesem Zitat von Balzac eröffnete Grant Hendrik Tonne, der niedersächsische Kultusminister, seine Referat über die Bedeutung unseres Netzwerks. „Wie kriegen wir Schüler und Schülerinnen so fit, dass sie aus der Schule rausgehen und wissen, was sie beruflich werden wollen?“, fragt er und stellt fest, dass unser Netzwerk mit all seinen Projekten seiner Zeit voraus ist und Niedersachsen sich nun ein Beispiel daran nehmen kann. Die vielen beruflichen Möglichkeiten und die schnelle technische Entwicklung erschweren die Berufswahl. Studium und Ausbildung seien gleichwertige Möglichkeiten, betont er, doch wer solle bei der Auswahl noch durchblicken? Es sei wichtig, auf die Interessen, Neigungen und Stärken zu achten – und da kommt das Netzwerk ins Spiel: Über Praktika und Gesprächen mit Auszubildenden über Personalleiter bis zu Geschäftsführern können die Schüler und Schülerinnen sich die Berufsfelder anschauen. „Junge Leute im eigenen Betrieb sind die besten Botschafter“, so Tonne. „Schule kann und soll nicht alles alleine leisten“, stellt er klar. „Alle sind gefragt!“ Unsere Region könne sich glücklich schätzen, dass sie durch das Netzwerk zehn Jahre Vorsprung habe, denn es wurden bereits Erfahrungen gemacht und die Kontakte sind vorhanden, während man diese Strukturen und Vernetzungen in Niedersachsen noch aufbauen müsse. Über die Landesgrenze hinaus gilt ein gemeinsamer Anspruch, die Jugendlichen zu einem Beruf zu führen, den sie mögen und der sie ausfüllt. „Das kommt den Betrieben, der Region, der Wirtschaft und Wissenschaft und vor allem den Schülern zugute“, schließt Tonne. Impulsreferat Digitalisierung und Ethik Nach einem entspannenden Klavierspiel von zwei Schülern des Gymnasiums Wesermünde hält Björn Stecher, Inhaber der Firma Digitales Denken in Brandenburg, ein Impulsreferat über das Spannungsverhältnis zwischen Digitalisierung und Ethik. „Die analoge Eisscholle wird immer kleiner. Die Zukunft kommt nicht morgen, sie ist schon da“, so Stecher. Während 32 Prozent der Deutschen sagen, sie seien damit überfordert, geben 14 Prozent an, sie würden gar nicht mehr zwischen online und offline unterscheiden. Auf der einen Seite der Künstlichen Intelligenz steht die Angst vor dem Kontrollverlust, auf der anderen der gesellschaftliche Mehrwert, wie er zum Beispiel bei Sprachassistenten als medizinische Hilfe entstehe. Da die Angst verunsichere, sei es wichtig, speziell Kindern die Mittel mitzugeben, die Unsicherheit zu verringern. „Um die Komplexität zu reduzieren, kann man entweder das Vertrauen in einen anderen Menschen haben, dass dieser die entsprechenden Fähigkeiten hat und ihn das machen lassen, oder aber die Kompetenz erlernen, etwas selbst tun zu können“, erklärt Stecher. Auch Kreativität habe an Bedeutung zugenommen und solle stärker gefördert werden, um sich besser auf die sich wechselnde Umwelt einstellen zu können. Die Entstehung des Netzwerks Nachdem die Schüler des Gymnasiums Wesermünde für ihre Musical-Darstellung mehrerer Lieder von Abba viel Applaus erhalten hatten, erzählte der Schiffdorfer Bürgermeister Klaus Wirth in der ersten Podiumsrunde von den Anfängen des Netzwerks: „Durch den demographischen Wandel hat sich die Bevölkerung in Schiffdorf reduziert und als Bürgermeister gehörte es zu meinen Aufgaben, einen Weg zu finden, damit die wenigen Verbliebenen hier bleiben.“ Ursprünglich habe man ein Jugendkompetenzzentrum errichten wollen, doch aus finanziellen Gründen hätte man das Projekt nicht umsetzen können. Meinhard Buchwitz, Schulleiter der Max-Eyth-Schule, fügt an: „Das Jugendkompetenzzentrum war eine mutige, aber auch blauäugige Vision.“ Da man sich nun aber formiert hatte, wollte man dennoch gemeinsam handeln und überlegte, etwas Neues auf die Beine zu stellen. Wirth ergänzt: „Unsere Idee hat die Vorarbeit nicht im Frust untergehen lassen, sondern es ging weiter“. Das Netzwerk Schule, Wirtschaft und Wissenschaft entstand. Ein wesentliches Element war die Hartnäckigkeit von Horst Lüdtke und Prof. Dr. Wilfried Arlt, einem meiner Vorgänger“, erinnert sich Peter Ritzenhoff, Rektor der Hochschule Bremerhaven, die das Potenzial des Netzwerks gleich erkannte. Die Motivation Lüdtkes entsprang seiner Empörung über einen Artikel in der Nordsee-Zeitung mit der Aussage: „Abiturienten, ihr müsst weg von hier, hier habt ihr keine Chance!“ Denn mit dieser Einstellung hätte die Region erst recht keine Chance mehr; es brauchte also neue Anreize, die jungen Menschen hier zu halten. Die Wiege des Netzwerks war also in Schiffdorf, bei der Vereinsgründung zählte man 29 Mitglieder. „Wir haben viele Klinken geputzt“, erinnert sich Wirth. Bei Behörden, im Landkreis, die Kammern, sogar in Hannover sei er gewesen. „Das gemeinsame Interesse schafft eine persönliche Ebene, die kurze Dienstwege möglich macht“, so Buchwitz. Man könne Sachen ansprechen, die vorher nicht möglich waren. Auf die Frage des Moderators Höljes, wie früh Lüdtke bewusst war, dass das Netzwerk etwas Großes wird, antwortet Lüdtke: „Das wusste ich sehr früh. Zu uns sind Leute gekommen, die etwas gestalten wollten. Siegertypen! Es ist wie eine Welle, die größer wird.“

Klaus Wirth, Meinhard Buchwitz, Horst Lüdtke und Peter Ritzenhoff erzählen Moderator Arnd Höljes von der Gründung unseres Netzwerks.

Entwicklung und Erfolge des Netzwerks Zehn Jahre später zählt das Netzwerk 120 Mitglieder und hat 5000 Schüler erreicht. „So lange man neugierig ist und an sich arbeitet, erreicht man immer auch wieder neue Ufer“, erklärt Lüdtke den Erfolg des Netzwerks, das mittlerweile mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurde. Neben neuen Projekten wie den Bildungsbuddies steht auch immer noch ein Ziel auf der Liste, welches Lüdtke von Beginn an am Herzen liegt: Wirtschaft als Pflichtschulfach. Durch diese zweite Podiumsrunde führte Matthias Meyer-Schwarzenberger, Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Volks- und Betriebswirte (bdvb), der dieses Anliegen unterstützt: „Wirtschaft darf kein Expertenwissen sein“, verdeutlicht er seinen Standpunkt. Es dürfe nicht sein, dass die Schüler die Schule ohne Grundkenntnisse in dem Bereich verlassen, denn damit fehlten auch Grundlagen zum Verständnis von Demokratie und Politik. Thomas Kühn vom Bildungswerk der niedersächsischen Wirtschaft, der das oft vom Netzwerk genutzte Unternehmerspiel MIG für die Jugendlichen anbietet, geht damit laut Meyer-Schwarzenberger in eine Vorbildfunktion. Das Unternehmerspiel vermittelt nicht nur wirtschaftliche Grundkenntnisse, sondern es verknüpft auch Schulen und Betrieben in der Region. Dabei habe Kühn das Netzwerk stark geholfen, denn es habe die erforderlichen Kontakte geknüpft und auch Förderer vermittelt. Stellvertretend für die Erfolge an den Schulen berichtet Nicole Wind, Schulleiterin der Schule am Ernst-Reuter-Platz: „Als Schule sind wir nur erfolgreich, wenn wir die Schüler in eine Ausbildung oder an eine weiterführende Schule bringen“, sagt sie, doch als sie angefangen haben, betrug diese Zahl genau Null. Mittlerweile hat man gemeinsam mit dem Netzwerk daran gedreht: Im letzten Jahr waren es bereits 20 Schüler, bei denen es gelang. In der dritten Podiumsrunde kamen Schüler und ehemalige Schülerinnen zu Wort, die über ihre Erfahrungen mit Projekten des Netzwerks berichteten und wie diese zu ihrer beruflichen und persönlichen Entwicklung beigetragen haben. Einhelliger Tenor: „Dass ich mal so viel Mut haben würde, hier heute vor Ihnen zu stehen, hätte ich nicht gedacht.“ Für Wind liegt der Erfolg der Projekte des Netzwerks auf der Hand: „Schüler müssen etwas tun und anpacken, statt nur in der Schule zu sitzen.“ Mit den Projekten holt das Netzwerk die Schüler ab und unterstützt sie. Abschluss einer gelungenen Feier Mit der Musikeinlage ‚Everybody needs somebody‘ brachten die Schüler und Schülerinnen des Gymnasiums Wesermünde die Grundlage des Netzwerks auf den Punkt. Bevor Lüdtke den offiziellen Teil der Veranstaltung beendete und man bei Snacks neue Kontakte knüpfte oder bestehende auffrischte, äußerte er noch einen Wunsch: „Wenn Sie einen Impuls haben, dann legen Sie gleich los. Schreiben Sie es auf, telefonieren Sie! Denn wenn sie es in drei Tagen nicht angepackt haben, werden Sie es wahrscheinlich nie tun.“

Mit „Everybody needs somebody“ brachte das Gymnasium Wesermünde den Grund für den Erfolg von Netzwerken auf den Punkt.

„Was brauchen die Kids?“ Lernen im Ankunftsstadtteil

Die Fra­ge, was Kin­der und Jugend­li­che aus einem benach­tei­lig­ten Stadt­teil mit gro­ßer Kin­der­ar­mut brau­chen und was Schu­le dazu bei­tra­gen kann, die Bedürf­nis­se zu befrie­di­gen, beschäf­tigt die Mitarbeiter*innen der Schu­le am Ernst-Reu­ther-Platz (ERNST) in Bre­mer­ha­ven-Lehe. Dabei geht es um mehr als Unter­richt – da ist sich das Schul­lei­tungs­team einig. Wir konn­ten bei einem drei­tä­gi­gen Besuch unse­rer Part­ner­schu­le im Pro­jekt Tra­MiS erle­ben, wie die­se Hal­tung in schu­li­schem Han­deln Aus­druck fin­det.

NUR MIT VOLLEM BAUCH LERNT ES SICH GUT

Es ist 7:40 am Mitt­woch­mor­gen in der Men­sa der ERNST. In 20 Minu­ten beginnt die ers­te Stun­de. Es herrscht eine ent­spann­te Atmo­sphä­re. An einem Grup­pen­tisch sitzt ein gutes Dut­zend Schüler*innen ver­schie­de­nen Alters und früh­stückt. Es gibt Kakao, Tee, Müs­li und Wraps. Nor­ma­ler­wei­se kom­men deut­lich mehr Schüler*innen zum Früh­stück, berich­tet uns eine Mit­ar­bei­te­rin der Men­sa, da aber der­zeit vie­le fas­ten, sei die Teil­nah­me gerin­ger. Seit Grün­dung der ERNST 2008 gibt es das Ange­bot des kos­ten­lo­sen Früh­stücks für alle Schüler*innen, denn „nur mit vol­lem Bauch lernt es sich gut“, wie die Schul­lei­te­rin betont. Vie­le Schüler*innen wür­den zuhau­se nicht früh­stü­cken und kämen hung­rig in die Schu­le. Des­we­gen wur­de das Früh­stücks­an­ge­bot mit Hil­fe von Spen­den ins Leben geru­fen. Alle Schüler*innen neh­men auch am Mit­tag­essen der Ganz­tags­schu­le teil. Ein Groß­teil der Schüler*innen wohnt in direk­ter Nach­bar­schaft zur ERNST im Goe­the­quar­tier. Es zählt bun­des­weit zu den Stadt­tei­len mit den höchs­ten Kin­der­ar­muts­ra­ten. Die Stadt Bre­mer­ha­ven weist in einer Sozi­al­raum­ana­ly­se für Lehe in 2016 einen Anteil der unter 15-Jäh­ri­gen, die Sozi­al­leis­tun­gen nach SGB II bezie­hen, von 48% aus. Nach­dem die Einwohner*innenzahl lan­ge Zeit sank, wächst sie seit 2012 wie­der, vor allem auf­grund von Zuzü­gen aus dem Aus­land. Zwi­schen 2012 und 2015 stieg der Anteil von Kin­dern mit aus­län­di­scher Staats­an­ge­hö­rig­keit im Vor­schul­al­ter von ca. 17% auf knapp 53% an. In Anleh­nung an den Begriff „Arri­val Cities“, der vom bri­tisch-kana­di­schen Jour­na­lis­ten Doug Saun­ders bekannt gemacht wur­de, kann das Quar­tier als Ankunfts­stadt­teil bezeich­net wer­den – als ein Stadt­teil mit ein­fa­chen Woh­nun­gen, nied­ri­gen Mie­ten, hoher Fluk­tua­ti­on und stark migran­tisch gepräg­ten Netz­wer­ken, die es Neu­zu­ge­wan­der­ten erleich­tern, Anschluss zu fin­den. In Ankunfts­stadt­tei­len leben Men­schen mit wenig Geld aus dem In- und Aus­land zusam­men, z.B. Lang­zeit­ar­beits­lo­se und Künstler*innen, Geflüch­te­te und Arbeitsmigrant*innen.

VIELFÄLTIGE MOBILITÄTSERFAHRUNGEN IM ANKUNFTSSTADTTEIL

In sol­chen Stadt­tei­len kön­nen Schüler*innen oft nicht vom all­ge­mei­nen Trend zu höhe­ren Bil-dungs­ab­schlüs­sen pro­fi­tie­ren, weil „sozio­öko­no­mi­sche und migra­ti­ons­be­zo­ge­ne Pro­blem­la­gen zusam­men­fal­len“ (S.18), so der aktu­el­le Bil­dungs­be­richt für Deutsch­land. Das kann zu sehr unter­schied­li­chen Mobi­li­täts­er­fah­run­gen füh­ren, wie wir bei unse­rem Besuch erfah­ren haben. Eini­ge Schüler*innen sind nur sel­ten aus dem Stadt­teil her­aus­ge­kom­men, so dass ein Prak­ti­kum in Cux­ha­ven oder eine Fahrt nach Bre­men schon eine Hori­zont­er­wei­te­rung dar­stellt. Ande­re sind schon mehr­mals zwi­schen Bre­mer­ha­ven und dem Her­kunfts­ort in einem ande­ren EU-Land umge­zo­gen, und zwar nicht im Rhyth­mus der Schul­jah­re, son­dern nach den Arbeits­mög­lich­kei­ten der Eltern, so dass sie immer wie­der neu ankom­men müs­sen. Das Ler­nen in der Schu­le ist dadurch schwie­rig. Auch wenn sich vie­le Eltern für ihre Kin­der das Abitur wün­schen, ist das für die meis­ten nicht rea­lis­tisch, wie uns Lehr­kräf­te berich­te­ten. Auch wenn Schu­len die unglei­chen Bil­dungs­vor­aus­set­zun­gen nicht zu ver­ant­wor­ten haben, sind sie doch die­je­ni­gen, die damit umge­hen müs­sen. Die Schul­lei­tung der ERNST über­nimmt die Ver­ant­wor­tung dafür, das Bes­te aus der Situa­ti­on zu machen und sieht an vie­len Stel­len Hand­lungs­mög­lich­kei­ten: „Daher haben wir uns selbst auf den Weg gemacht.“

PRAXISPROJEKTE ALS ERGÄNZUNG ZUM UNTERRICHT

Sie legt prag­ma­tisch den Fokus dar­auf, dass ein Aus­bil­dungs­platz ver­mit­telt wird, idea­ler­wei­se mit einem Schul­ab­schluss, zur Not aber auch ohne. Inspi­riert durch reform­päd­ago­gi­sche Ansät­ze, setzt sie dabei zuneh­mend auf Pra­xis­pro­jek­te, die bereits am Vor­mit­tag Ent­las­tung vom regu­lä­ren Unter­richt bie­ten sol­len. In einem Pro­jekt auf einem Bau­ern­hof haben Schüler*innen bei­spiels­wei­se gelernt, einen Tre­cker aus­ein­an­der­zu­neh­men. Wenn sie dar­an Spaß gefun­den und sich geschickt ange­stellt haben, ent­wi­ckeln sie womög­lich die Per­spek­ti­ve eine Aus­bil­dung in einer KFZ-Werk­statt zu machen. Außer­dem gibt es ver­schie­de­ne Schü­ler­fir­men, in denen Jugend­li­che etwa Mar­me­la­de und Honig her­stel­len und die Pro­duk­te auf dem Wochen­markt neben der Schu­le ver­kau­fen. Sie erler­nen dabei struk­tu­rier­tes und kon­ti­nu­ier­li­ches Arbei­ten, Kom­pe­ten­zen die so oft­mals weder im Unter­richt, noch zuhau­se ver­mit­telt wer­den kön­nen. Für vie­le Arbeit­ge­ber sind die­se Aspek­te aber wich­ti­ger als gute Noten, wie die Schul­lei­te­rin berich­tet. Sol­che und ande­re Pro­jekt­kur­se kön­nen die Schüler*innen der ERNST aus einem brei­ten Ange­bot im Rah­men der soge­nann­ten Schü­ler­aka­de­mie (SAK) bele­gen. Die Teil­nah­me an den Kur­sen wird nicht beno­tet, aber durch Zer­ti­fi­ka­te und einen Ver­merk im Schul­zeug­nis aner­kannt. Die jahr­gangs­über­grei­fen­den SAK-Kur­se und der Regel­un­ter­richt wech­seln sich über den Tag hin­weg ab. Dadurch wird ver­sucht, das Ler­nen ganz­heit­lich anzu­le­gen. Die Berufs­ori­en­tie­rung beginnt bereits in der 5. Klas­se nach einem Kon­zept, das vom Lan­des­in­sti­tut für Schu­le Bre­men als her­aus­ra­gend aus­ge­zeich­net wur­de. Der prak­ti­sche Ansatz kommt, laut Schul­lei­tung, der wach­sen­den Zahl von Schüler*innen mit einer nicht­deut­schen Fami­li­en­spra­che in beson­de­rem Maße zugu­te. Anders als im Unter­richt, wo Deutsch oft­mals die not­wen­di­ge Grund­la­ge ist, hät­ten Deutschlerner*innen bei den weni­ger sprach­in­ten­si­ven prak­ti­schen Lern­an­ge­bo­ten der SAK gerin­ge­re Nach­tei­le und könn­ten sich bes­ser pro­fi­lie­ren. Für die­se Grup­pe hat eine Fokus­sie­rung auf die Aus­bil­dung oft noch einen wei­te­ren Effekt: Durch Aus­bil­dungs­platz und spä­te­re fes­te Arbeit kön­nen Jugend­li­che ohne siche­ren Auf­ent­halts­sta­tus ein dau­er­haf­tes Blei­be­recht erhal­ten. Es wird deut­lich, dass die Schu­le sich unter den Bedin­gun­gen einer restrik­ti­ven Migra­ti­ons­po­li­tik auch damit aus­ein­an­der­set­zen muss, dass Schüler*innen oft auch nach jah­re­lan­gem Auf­ent­halt noch nicht wis­sen, ob sie in Deutsch­land blei­ben dür­fen. Der Film „Mög­lichst frei­wil­lig“ doku­men­tiert bei­spiel­haft die­se Aus­ein­an­der­set­zung am Fall eines Schü­lers der ERNST, der mit sei­ner Fami­lie Bre­mer­ha­ven und Deutsch­land ver­las­sen muss­te. Er zeigt ein­drück­lich wie sein Leben danach wei­ter­ging und wie sei­ne Klas­se auf die plötz­li­che Abwe­sen­heit des Mit­schü­lers reagier­te.

SCHULENTWICKLUNG UND VERNETZUNG

„Was brau­chen die Kids?“ – immer wie­der die­se Fra­ge zu stel­len, kenn­zeich­net die Grund­hal­tung vie­ler Lehrer*innen an der ERNST. Eine Leh­re­rin weist dar­auf hin, dass sie im Grun­de an jeder wei­ter­füh­ren­den Schu­le arbei­ten könn­te, aber sich expli­zit für die ERNST ent­schie­den hat. In Zei­ten des Lehr­kräf­te­man­gels ist es eine fort­wäh­ren­de Her­aus­for­de­rung für Schu­len in Bre­mer­ha­ven, gut aus­ge­bil­de­te Pädagog*innen zu gewin­nen. In der Stadt haben etwa 70% der Neu­ein­stel­lun­gen nicht die 2. Staats­prü­fung, wie ein Leh­rer und Funk­tio­när der Gewerk­schaft Erzie­hung und Wis­sen­schaft erläu­tert. Die neu­en Kolleg*innen sei­en wegen ihres Enga­ge­ments oft hoch geschätzt. Sie bräuch­ten aber noch drin­gen­der als voll aus­ge­bil­de­te Pädagog*innen gute Fort­bil­dungs- und Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten. Eine Ent­wick­lungs­per­spek­ti­ve wird an der ERNST also in drei­fa­cher Hin­sicht ein­ge­nom­men, sowohl bezo­gen auf die Schüler*innen, die Mitarbeiter*innen und die Schu­le als Gan­zes. Die ERNST beschrei­tet dabei neue oder wenig genutz­te Pfa­de, sie erhält dabei jedoch Unter­stüt­zung von außen. Als Mit­glied im „Netz­werk Schu­le-Wirt­schaft-Wis­sen­schaft für die Regi­on Unter­we­ser“ kann sie auf außer­schu­li­sche Ver­bün­de­te bei der „Beglei­tung Jugend­li­cher und jun­ger Erwach­se­ner in das Arbeits­le­ben“ bau­en. Kürz­lich hat sie sich außer­dem dem Schul­ver­bund „Blick über den Zaun“ ange­schlos­sen, in dem sich reform­päd­ago­gisch-ori­en­tier­te Schu­len in ihrer Schul­ent­wick­lung gegen­sei­tig unter­stüt­zen und von­ein­an­der ler­nen. Die ERNST teilt hier mit vie­len ande­ren die Über­zeu­gung, dass gute Schu­le immer wie­der neu von innen und mit Blick auf die eige­nen Schüler*innen ent­wi­ckelt wer­den muss.

Ein Beitrag von: Matthias Linnemann Matthias Linnemann Wissenschaftlicher Mitarbeiter Torben Dittmer Torben Dittmer Wissenschaftlicher Mitarbeiter